Ansichten XXXV
„inform“
Zeitgenössische Narrative aus Liechtenstein


23. November 2019 -
07. Februar 2020
Vernissage:
SAMSTAG, 23. Nov 2019, 17 Uhr





Öffnungszeiten:
Do / Fr / Sa 17 -19 Uhr, 
und nach Vereinbarung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Z U R Ü C K

Ansichten XXXV - „inform“ - Zeitgenössische Narrative aus Liechtenstein

Dagmar Streckel I Schaan (FL)

Beteiligte KünstlerInnen:
Evelyne Bermann, Barbara Bühler, Matthias Frick, Anna Hilti, Manfred Naescher, Martin Walch, Sunhild Wollwage und Franz Erhard Walther mit einer Arbeit aus der Sammlung Erhard Witzel


Im QuadrART  Dornbirn sind Arbeiten von insgesamt sieben Künstlern und Künstlerinnen aus Liechtenstein in den Medien Fotografie, Video, Zeichnung und Plastik zu sehen: Inform – Zeitgenössische Narrative aus Liechtenstein ist die 35. Und letzte Ausstellung der Reihe Ansichten, die dieser Ort zeitgenössischer Kunst seit 2009 während 10 Jahren vorgestellt hat.

Mit sieben Kunstschaffenden aus Liechtenstein richtet sich der Blick dieser Ansichten-Ausstellung auf den nahen Nachbarn, mit
dem Vorarlberg vieles verbindet. Insbesondere die zeitgenössische Kunst wirkt und arbeitet über Grenzen hinweg, spiegelt nahe beieinander liegende Interessen, Fragestellungen und Narrative.

Während die Moderne der Kunst versucht hat, das künstlerische Medium soweit wie möglich von der Erzählung zu befreien,  zu reduzieren und zu abstrahieren, kann die Erzählung heute wieder anders gesehen werden. Narrativ sein heisst nicht gleich, aufwändige Geschichten zu erzählen.

Narrativ sind auch Werke, deren Skript nur wenige Sätze umfasst. Insgesamt blickt man wieder entspannter darauf und erkennt in der Existenz von Erzählungen und Mythen wieder ein grundlegendes Element auch des sozialen Zusammenhalts und der Bildung von Gemeinschaft.

 

Der Sammlung von Erhard Witzel ist die Zeichnung von Franz Erhard Walther im Raum gehört gesehen (1985) entnommen. Inhaltlich interagiert sie mit der kleinen Zeichnung von Matthias Frick hineinsehen heraushören (2013). Die im Titel beider Arbeiten gegebene narrative Dimension gibt den Auftakt der Ausstellung.

So kreist Anna Hiltis Zeichnungsserie Some Dreamers of the Golden Dream (2017) um das ungeklärte Verschwinden ihres Ururgrossvaters in Amerika und zeichnet seine imaginierten Spuren nach.

Martin Walch sieht Kunst grundlegend als kommunikativen Prozess; seine Fotografien Wunder I-X (2018) ebenso wie die filigranen Holz-Plastiken Traumfänger (Wünschelruten) 1-7 (2018) machen den Eindruck, als erzählten sie Geschichten. Auch wenn sie nichts detailliert erzählen, wirkt ihre blosse Erscheinung.

Damit eine Geschichte wirklich erzählt wird, muss es auch um etwas gehen. Die Zeichnungen des  2017 verstorbenen Matthias Frick, der nach dem Studium an der F + F Schule für Gestaltung, Zürich, Meisterschüler von Hermann Bohmert war, lässt auch die gravierenden Folgen, die unerwartet auftretende gesundheitliche Probleme für sein Leben nun als Künstler der Outsider-Art  hatten, nicht ausser Acht. Und dies mit feinem Humor wie im Titel Mighty Mouse.

Im Zentrum von Barbara Bühlers Fotografie steht in der Regel die Architektur. Ihre Duo-Fotografie zeigt aber vorwiegend  grünes Laub, in dessen Zentrum sich wenig, dafür aber stark rot leuchtendes Laub befindet. Aus zwei nur leicht versetzten Perspektiven hat sie dieses Natur-Phänomen zeitlich versetzt fotografiert und  es zum Bild einer aussergewöhnlichen Erscheinung gemacht.

Manfred Naeschers Video Der Wiederkehrende Spiegel (2015) basiert auf einem historischen Text aus dem Jahr 1847, dessen Botschaft  bis heute gültig geblieben ist. Es präsentiert und interpretiert das Zitat eines Textes von Peter Kaiser. Der in Liechtenstein geborene Historiker hat 1847 die erste „Geschichte des Fürstentums Liechtenstein“  in einer Zeit der Ungewissheit und gesellschaftlichen Veränderung geschrieben und veröffentlicht, im Vorjahr der Revolution von 1848, deren liberal-demokratische Ideen Kaiser vorsichtig zum Ausdruck bringt, sich aber bewusst ist, dass auch er die Zukunft der angestossenen Entwicklung nicht kennen kann. An den herrschaftlichen Verwalter Liechtensteins, den Landvogt, richtet er sich mit den Worten: Die eigene Vergangenheit ist jedem ein Spiegel, der ihm seine Handlungen, Worte und Werke zurückwirft […]. 1848 wurde Kaiser zum Abgeordneten des Fürstentums Liechtenstein in der Frankfurter Nationalversammlung gewählt.
Sunhild Wollwage schildert mit Ab- und Zufall (2010) anhand von vier konstanten und sich gleichförmig wiederholenden Notaten Aspekte des Alltags, in denen sich Leben äussert und rhythmisch wiederholt: auf reproduzierten Fotos hält die Künstlerin den während eines Jahres täglich anfallenden, variierenden Kompostabfall mit Datum und Uhrzeit fest, Blutdruck- und Pulswerte dokumentieren den beständigen Schlag ihres Herzens, kleine Haarknäuel dokumentieren die täglich in der Bürste zurückbleibenden Haare, jeweils ein Haar wurde als Frottage aufgebracht. Leergebliebene Karten stehen für die Ferientage ausser Haus. Es geht um Leben und dessen Spannungsverhältnisse im Rahmen von Kontinuität und Veränderung; um gemessene, dokumentierte, sich ähnlich wiederholende und dennoch vergehende Zeit.

Evelyne Bermanns Ensemble der Peanuts (2018) erforscht die Variationsmöglichkeiten des genetisch vorgegeben Bauplans der Erdnuss, die zwar immer identifizierbar, aber nie identisch entsteht. Alles nur Peanuts? Die nahrhafte Erdnuss geniesst kein hohes Ansehen; die Künstlerin verleiht ihr Bedeutung und nähert sich selbst damit im Studium der Natur der Schöpfung an.

 An Informationen, die in Geschichten verpackt sind, erinnern wir uns besonders gut und gerne.


Eine Ausstellung des QuadrART, Dornbirn in Kooperation mit Visarte Liechtenstein.

Dagmar Streckel